Als kleine Ausnahme zu den anderen Schweitzer-Azubis gehe ich nicht auf das „Hogwarts der Bücher“, den Mediacampus in Frankfurt, sondern in München auf die Berufsschule. Das ist für mich sehr praktisch, da ich am Münchner Standort arbeite und nahe München wohne.
Die Städtische Berufsschule für Medienberufe klingt nach Schule und wirkt auch definitiv wie „Schule“. Dort gibt es keinen eigenen Buchladen und auch keine zweistöckige Bücherei. Es gibt zwar eine kleine „Bibliothek“ im Klassenzimmer der Fachangestellten für Medien.- und Informationsdienste, die ist aber nur ca. 6 Regale groß. Was den Raum für alle spannend macht, sind die dortigen Leseexemplare (immer ganz wichtig und mit keinem Wort bekommen die Lehrer*innen schneller Aufmerksamkeit als mit dem magischen Wort: „Leseexemplare“).

Es gibt aber durchaus Dinge, mit denen die Schule bei mir punkten kann: Neben immer sehr netten Mitschüler*innen und kompetenten, emphatischen und motivierten Lehrer*innen (an der Stelle möchte ich meinen Literaturlehrer Herrn M. ganz nett grüßen) gibt es auch ein Wahlpflichtkursprogramm. Das hört sich erst einmal sehr sperrig an, die Schule nennt die Einführung und Vorstellung der unterschiedlichen Kurse deshalb poetischer „Markt der Möglichkeiten“.
An zwei Nachmittagen und einem Vormittag sind die Zeitfenster für die Kurse, zwei müssen belegt werden. Man kann sich also dafür entscheiden, einmal unter der Woche länger zu schlafen, wenn man das will. Die angebotenen Kurse sind sehr vielseitig, von Entspannungstechniken über The Arts of Museum bis zu Existenzgründung. Viele aber haben direkt etwas mit den dort vermittelten Berufen zu tun, wie Brandmanagement, Werbepsychologie oder Content Marketing.
Letztes Jahr habe ich einen Spanischkurs besuchen können und den Kurs Internationale Literatur I. Dieses Jahr habe ich mich für Präsentations-Coaching und Internationale Literatur II entschieden. Im Präsentations-Coaching ging es um die Kunst, spannend, mitreißend und selbstsicher Vorträge halten zu können. Eine Kleinigkeit also. Dafür gab es Sprech- und Atemübungen, Infos über die Körpersprache, etwas zum Thema Sprechangst und einiges mehr. Immer wieder hielten wir kurze Präsentationen und es gab Feedback. Die Lehrerin hielt einen lautlosen Vortrag so gut, dass ich mich fühlte, als habe ich einen plötzlichen Gehörsturz erlitten oder als habe jemand die Stummtaste gedrückt. Bei der Übung ging es um das Gestikulieren. Und wenn man selbst den lautlosen Vortrag hält, kommt man sich dann doch etwas dumm vor, sich vor 15 andere zustellen und drei Minuten einen Monolog im Kopf zu führen und dabei angemessen zu gestikulieren. Drei Minuten sind dann verdammt lang. Zur Benotung wurde eine Schulaufgabe geschrieben und, klar, eine Präsentation gehalten. Hier in Bayern ist ja alles anders, deswegen gibt es auch keine Klausuren, sondern Schulaufgaben.
Internationale Literatur ist einfach immer nur schön und spannend. Neben der obligatorischen Schulaufgabe wurden Literarische Quartette (oder Duos, oder Terzette) zu einen Kinder.- und Jugendbuch gehalten. Meine Gruppe hat sich für „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak entschieden. Ein schlauer, einfühlsamer, trauriger und wunderschöner Jugendroman bzw. All-Age-Roman. Die Bücherdiebin ist die kleine Liesel, eine Halbwaise, die bei Pflegeeltern bei München in den Jahren des Nazi-Regimes aufwächst. Neben Liesl spielt der Tod eine wichtige Rolle, dazu Farben, ihr bester Freund Rudi, ebenfalls ein Dieb, mit einem Herzen aus Gold, der gerne Jesse Owens wäre, sowie ein Kämpfer mit Haaren wie Vogelfedern und Wörter, viele Wörter in und außerhalb von Büchern. Dicke Leseempfehlung meinerseits. Durch die Azubiwoche in Berlin ist mein Berufsschulblock etwas durcheinandergeraten. Eine meiner Ausbilderinnen hatte aber vorgeschlagen, dass ich doch einfach in die Schule gehe für das Quartett, statt in die Arbeit. Sonst hätte ich mich online zuschalten müssen. So konnte ich entspannt in der Früh in die Berufsschule und danach erst in die Arbeit. Ich konnte auch sofort einiges aus dem Präsentationscoaching für das Quartett übernehmen.

Die Spanischlehrerin verteilt hin und wieder vergünstigte Tickets zu unterschiedlichen Kulturangeboten. Letztens war ich in der Oper „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch nach einer Novelle von Nicolai Gogol. Eine Nase macht sich selbständig und verschwindet aus dem Gesicht von Kowaljow, einem russischen Beamten. Verständlicherweise ein Albtraum für diesen, der sich daraufhin aufmacht, seine Nase zu suchen. Die Inszenierung von Kirill Serebrennikov ist sehr bildgewaltig und bezieht die aktuelle Situation in Russland mit ein. Nicht gefällig, vielschichtig, aber auch etwas verwirrend. Davor in „Die Zauberflöte“ (umgeschrieben als Musical) im Deutschen Theater und davor ein modernes Ballett „Die Berge“. Das Angebot ist sehr vielfältig und man bekommt für kleines Geld viel zu sehen.
Ebenso lädt die Schule Verlage und Buchhändler ein, wenn auch nicht in dem Umfang wie es der Media Campus auf die Beine stellt. Was verständlich ist, da in München nur ein Lehrer das stemmt. So war erst vor kurzem der Gräfe und Unzer-Verlag da und hat Einblicke in dessen langjährige und abwechslungsreiche Verlagsgeschichte gegeben. Der erste von G&U verlegte Ratgeber hatte den aufmunternden und praxisnahen Titel: „Der Zeitvertreib am Kranken.- und Sterbebett“. Auch die moderne Buchhandlung zum Stöbern, mit Sitzgelegenheiten und Kinderabteilung wurde von G&U im „Haus der Bücher“ in Königsberg, zwischenzeitlich Europas größter Buchhandlung, erstmals eingeführt. Das Gebäude wurde leider durch einen Luftangriff völlig zerstört. Natürlich gab es auch den Ausblick auf die Herbstnovitäten, mit einer spannenden Neuerung bei G&U.
Auch wenn ich manchmal doch noch neidisch werde bei der schieren Masse an Leseexemplare und literarischen Veranstaltungen, von denen mir Mit-Azubis erzählen, wenn diese nach den Marathon-Blocks am Mediacampus zurückgekehrt sind, so ist die BS-Medienschule auch eine gute Alternative, mit der ich sehr zufrieden bin. Ich bin dankbar dafür, dass ich dort den schulischen Teil meiner Ausbildung absolvieren kann.
~ Jakoba aus München ~