Während ich im Büro bin, werde ich selten mit meinem Privatleben konfrontiert.
Vielleicht eine Nachricht meiner Mutter während der Pause oder ein kurzer Blick aus dem Fenster, bei dem ich mich frage, was ich denn mache, sobald ich auf dem gemächlichen Weg nach Hause bin.
Ich finde es okay, so wie es ist, verspüre nie den Drang, meine eigene Vergangenheit in diesen Alltag einzubringen.
Als wir uns hier in Frankfurt jedoch auf einen Tag für den Besuch der Buchmesse geeinigt hatten und immer mal wieder einige Worte darüber wechselten, wie wir dieses spaßige Erlebnis denn letztendlich organisieren würden, erinnerte ich mich an ein kleines Detail von letztem Jahr: Ein gewisser Stand, der Nostalgie in mir auslöste, obwohl ich bis zu dem jetzigen Jahr noch nie da gewesen war.
Aufgeregt schickte ich meine Mutter einen Tag vor dem Besuch der Buchmesse die folgende Nachricht: Mama, demà per fi puc anar veure l’estand català! (Mama, morgen kann ich endlich den katalanischen Stand besuchen!)
Sie teilte meine Aufregung und wiederholte nicht nur einmal, dass sie, statt auf der Arbeit zu sein, lieber mit mir dorthin gehen wollen würde.
Ich versprach ihr, nächstes Jahr auf jeden Fall mit ihr hinzugehen.
Meine Mutter kommt aus einem kleinen, süßen und echt alten Dorf, circa 80km von Barcelona entfernt und ist die Personifikation der Bewohner dort: Frei, warm, freudig und liebevoll.
Schon immer bin ich dankbar, mit solch einer Kultur aufwachsen zu können, meine Familie in Katalonien beständig und regelmäßig besuchen zu dürfen und vor allem; die Sprache zu beherrschen.
Der warme Stolz, der mich beim Sprechen immer erfüllt ist mit nichts anderem zu vergleichen.
Als ich dann also realisierte, dass ich endlich dieses kleine Stück zuhause, diese Familiarität in dem Trubel und der Hektik sehen würde, freute ich mich insgeheim schon doch ein ganzes Stückchen mehr auf den ereignisvollen Tag.
Ein wenig nervös machte es mich aber doch, das musste ich mir gestehen.
Außerhalb von Katalonien sprach ich nur mit meiner Mutter und meiner Schwester katalanisch.
Würde ich aus Nervosität einen Fehler machen, wenn ich mit den Menschen bei dem Stand sprechen würde?
Wäre es mir zu unangenehm, überhaupt hinzugehen?
Ein bisschen besorgt war ich schon, aber meine Zuversicht und mein Ehrgeiz, wenigstens an dem Platz dort vorbeizulaufen ließ mich am Ball bleiben.
Dann war es so weit, der Tag kam.
Alle Frankfurter Azubis trafen sich vor dem Messeingang, trudelten nach und nach ein und dann machten wir uns auf den Weg hinein, um zu entdecken, was die Buchmesse denn dieses Jahr hergeben würde.
Auf uns warteten zahlreiche beeindruckende Sehenswürdigkeiten, sympathische Menschen, neue Interessen und eine Menge laufen und noch mehr Menschen.
Es war eine überwältigende Erfahrung und ich habe gemerkt, dass man sich Jahr für Jahr nie vollkommen darauf vorbereiten kann.

Wir liefen durch die Gänge und irgendwann war es für mich an der Zeit, mein Ziel zu äußern. Daraufhin machte ich mich mit zwei weiteren Azubis auf den Weg und als ich den Stand dann endlich sehen konnte, ich die zahlreichen, katalanischen Bücher registrierte, musste ich lächeln.
Dort angekommen beobachtete ich den Trubel, lunzte zu Büchern, als dann auf einmal einer der Zuständigen des Standes zu uns lief.
„Us puc ajudar? (Kann ich euch helfen?), fragte der nette Herr und ich antwortete gezielt mit „No gràcies, només mirem. (Nein danke, wir schauen nur.).
Der Mann lächelte mir nur zu, nickte, bevor er uns den Platz zum Entdecken ließ.
Ich lächelte zurück und konnte kaum damit aufhören.
Diese kleine, beinahe insignifikante Interaktion hatte mir schon solch eine Freude bereitet, dass ich es kaum erwarten konnte, meiner Mutter davon zu erzählen.
Langsam, aber sicher nahm ich die verschiedensten Bücher in die Hand, blätterte darin herum, genoss den Anblick vom Katalanisch und wollte am liebsten gar nicht mehr gehen. Zehn, zwanzig Minuten vergingen und ich konnte mir noch eine Stofftasche mit dem Aufdruck „Barcelona“ ergattern, die meine Mutter im Nachhinein übrigens großartig fand, und konnte auch noch mehr Worte mit den Mitarbeitern wechseln und plötzlich fühlte ich mich wie einer anderen Welt und das auf die beste erdenkliche Art und Weise.
Es war ein wundervolles Erlebnis und ich hätte nie gedacht, dass ich in dem fremden Trubel und Stress einer solchen, unfassbar wichtigen Veranstaltung diese familiäre Wärme finden würde, die einen großen Teil von mir ausmacht.
So schnell werde ich den Tag nicht vergessen.
Die zahlreichen Stände, neuen Eindrücke, vertiefte Interessen, liebe Menschen aber für mich persönlich auch, dass ich einem geliebten Teil meiner Selbst begegnen konnte, als ich es am wenigsten erwartet hatte.
~ Jonah aus Frankfurt ~