Die Leiden der jungen Pendlerin

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Ich hatte dieses Jahr die Ehre, einen Monat den Bremer gegen den Hamburger Laden zu tauschen. Um die täglichen Zugfahrten zu überstehen, vertrieb ich mir die Zeit, indem ich einen Brief verfasste.


Die Leiden der jungen Pendlerin


Wie köstlich ist doch der Moment, wenn der erste Sonnenstrahl auf das blasse Antlitz der Schienen trifft – ein verheißungsvoller Beginn meiner Reise von Bremen nach Hamburg, jener zivilisatorischen Odyssee, die ich täglich aufs Neue wage.

Ach Jacqueline! Wenn du wüsstest, mit welchem Herzklopfen ich jeden Morgen am Bahnsteig stehe, den Blick hoffnungsvoll gen Horizont gerichtet, wo sich – so Gott will – der RE4 oder RB41 durch den Nebel schiebt. Doch oft bleibt er aus, meine treue Freundin. Stattdessen grüßt die Durchsage in vertraut klagendem Ton: „Zug fällt aus.“ Und mit ihm mein letzter Rest Lebensfreude.

Gestern noch – o welches Drama! – betrat ich den Zug voller Zuversicht, doch kaum hatten wir Rotenburg passiert, da kam der Schaffner wie ein tragischer Bote antiker Dichtung und verkündete: „Signalstörung bei Buchholz.“ Ich sank in meinen Sitz, das Antlitz bleich, der Blick leer. Ich schwöre bei Goethes Geist, ich hörte die Geigen der Apokalypse leise im Hintergrund spielen.

Ach, wie sehn ich mich nach einem einfachen Leben, in dem das größte Problem das falsche Croissant beim Bäcker ist, nicht aber die Frage: Komme ich heute überhaupt an?

Doch trotz alledem – trotz Verspätungen, überfüllter Waggons, der stillen Tragödie ausgefallener Klimaanlagen – ertrage ich es. Nein, ich lebe sogar dafür! Denn es ist dieser tägliche Wahnsinn, der meinem Leben Struktur verleiht. Und ein wenig auch den Stoff, aus dem meine Therapeutin ihre Rechnungen schreibt. Ich muss nun schließen, Jacqueline. Der Akku meines Handys neigt sich dem Ende, wie mein Vertrauen in die Deutsche Bahn. Möge der nächste Zug pünktlich kommen – oder mich ganz vergessen.

~ Lotta aus Bremen ~

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